Podiumsdiskussion “Zukunftsmusik” am 21.10.2021

Vier Expert*innen haben bei der Podiumsdiskussion “München is(st) fürs Klima. Was tut die Stadtpolitik?” am 21.10.2021 in kurzen Impulsen dargelegt, wie die Landeshauptstadt München in Sachen Ernährung klimafreundlicher werden kann. Erfahre mehr dazu in der nachfolgenden Pressemitteilung.

“Erst kommt das Fressen dann die Moral” so lautet ein Satz aus der “Dreigroschenoper” des Dramatikers Bertolt Brecht und legt damit nahe, dass nur wer satt ist, sich über “gutes” oder moralisches Handeln Gedanken machen kann. Mit der Perspektive, dass München bis 2035 klimaneutral werden will, um seiner nicht nur moralischen, sondern sehr handfesten Verantwortung gerecht zu werden, bekommt der Satz aber eine ganz andere Bedeutung: Nun stellt sich die Frage, wie auch durch eine “Ernährungswende” die Klimaziele 2035 erreicht werden sollen.
Darauf Antworten von Seiten der Politik zu bekommen, darum ging es bei der Podiumsdiskussion “Zukunftsmusik - München is(st) fürs Klima. Was tut die Stadt?” gemeinsam veranstaltet vom Netzwerk Klimaherbst e.V., dem Münchner Ernährungsrat, Protect the Planet und der Münchner Volkshochschule.
Denn unsere Ernährungsweise hat Auswirkungen: auf uns, auf die Menschen, die unsere Lebensmittel herstellen (weltweit), auf das Tierwohl und natürlich aufs Klima. Häufig sind die Auswirkungen dabei leider negativ; 30% der globalen Treibhausgasemissionen entstammen Landwirtschaft und Ernährung. Dabei kann die Politik Ernährungsumgebungen für die Menschen schaffen, die klimafreundliche und sozial gerechte Ernährungsweisen ermöglichen und fördern - auch auf kommunaler Ebene.

Vier Expert*innen haben dabei in kurzen Impulsen dargelegt, wie die Landeshauptstadt München in Sachen Ernährung klimafreundlicher werden kann und anschließend die umweltpolitischen Sprecher*innen der Fraktionen des Stadtrats intensiv dazu befragt wie sie die Ernährungswende konkret gestalten wollen. Auf dem Podium vertreten waren: Nicola Holtmann (ÖDP / Freie Wähler), Sabine Krieger (DIE GRÜNEN - Rosa Liste, BA 3), Fritz Roth (FDP / Bayernpartei), Sebastian Schall (CSU) und Dr. Julia Schmitt-Thiel (SPD / VOLT).

Der Abend begann mit Überlegungen dazu, ob in München nicht mehr Flächen auch für den Anbau von Lebensmitteln genutzt werden sollten. Die Politiker*innen gaben zu bedenken, dass eine Versorgung auf diesem Weg unrealistisch sei (und auf Grund der großen Flächenkonkurrenz auch umstritten) und Julia Schmitt-Thiel (SPD) erinnerte, dass es darum gehe “die großen Hebel” umzulegen. Als ein solcher Hebel galt allen Politiker*innen die Förderung der Direktvermarktung durch die Landeshauptstadt München. Dafür müsse die Stadt ihre Flächen bereitstellen und müssen Kooperationen mit dem Umland eingegangen werden, damit die Münchner*innen eben nicht auf die Kartoffeln aus Ägypten zurückgreifen müssten. Julia Schmitt-Thiel (SPD) nannte hier als schon existierendes Beispiel die Zusammenarbeit mit der Ökomodell-Region Miesbacher Oberland.

Wie man denn aber verhindern wolle, dass die Menschen ihr Geld in den Discounter tragen, der nicht gerade für eine klimafreundliche und sozial gerechte Ernährung stehe, wollte der zweite Experte Daniel Überall von den Podiumsgästen wissen. Fritz Roth von der FDP machte den Vorschlag, dass man statt zu verhindern, dass Menschen zum Discounter gehen, ja eher dafür sorgen könnte, dass die Auswahl der Discounter besser werde. Dafür wolle man die Verantwortlichen zu einem Gespräch ins Rathaus einladen. Die Idee, mit dem Lebensmittelhandel ins Gespräch zu kommen, wurde dann auch später nochmals von Nicola Holtmann von der ÖDP aufgegriffen, als es darum ging wie Lebensmittelverschwendung vermieden werden könnte. Hier könnten die Supermarkt- und Discountbetreiber*innen angeregt werden beispielsweise Regale einzurichten, wo sie Lebensmittel abgeben, die sie nicht mehr offiziell verkaufen dürfen. Dr. Julia Schmitt-Thiel wollte außerdem dazu anregen in den Läden Kampagnen für gesunde und nachhaltige Ernährung umzusetzen.

Daniela Schmid vom Münchner Ernährungsrat sprach ein Thema an, um das sich die Politiker*innen lieber gedrückt hätten: Wie es denn mit Großveranstaltungen wie dem Oktoberfest aussähe, wo die Stadt Hausherrin sei und wo es großes Potenzial nach oben gäbe hinsichtlich der Klimafreundlichkeit des Angebotes. Von Sebastian Schall wollte die Expertin dabei wissen, wie er dem Wiesn-Stammtisch das vegetarische Angebot schmackhaft machen wolle. Dieser sprach davon, dass das Bewusstsein der Verbraucher*innen geschärft werden solle. Als Daniela Schmid vorschlug, dass diese Bewusstseinsbildung ja auch direkt auf dem Oktoberfest in Form einer Kampagne stattfinden könne, wurde der Stadtrat jedoch zögerlich und lenkte ein, dass er sich das im Moment nicht vorstellen könne, aber in zehn bis fünfzehn Jahren vielleicht. Immerhin könne er sich aber vorstellen, dass auf der Speisekarte die nachhaltigen Essensangebote gekennzeichnet würden.

Die letzte Expert*in Inga Bause betrachtete das Thema aus der psychologischen Perspektive und bat die Stadträt*innen ihre Visionen für ein München der Zukunft zu formulieren. Erstaunlicherweise gab es dabei viel Einigkeit: regionale und saisonale Lebensmittel sollen wohnortnah und günstig zu kaufen sein, wenn möglich in Bio-Qualität, es wird weniger Fleisch konsumiert und wenn, dann beispielsweise vom heimischen Wild. Dass es aber noch mehr und entschiedenere Maßnahmen braucht um zu dieser Vision zu gelangen, als an diesem Abend geäußert wurden, ist ein Ergebnis des Abends.

Vielleicht braucht es hier mehr Einmischung von Seiten der Zivilgesellschaft, um die Stadtpolitik auf neue Ideen zu bringen. Da trifft es sich gut, dass diese Aufforderung von einem Stadtrat selbst kam: Als die Politiker*innen am Schluss befragt wurden, was sie sich von den Münchner*innen wünschen gab es eine Einladung von Herrn Roth ins Rathaus um in den Austausch zu kommen.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Lydia Weinberger (MVHS) und Helmut Paschlau (Umwelt&Abfall), der zu Beginn der Veranstaltung Fakten zum Thema Ernährung und Klima vorstellte und zum Ende die Ergebnisse des Podiums zusammenfasste. Über ein Abstimmungstool konnten die Teilnehmenden zusätzlich zu den Expert*innen Fragen an die Politiker*innen abgeben und priorisieren.

Gerne stehen die Expert*innen für ein Interview zur Verfügung:

Irene Nitsch ist seit über 20 Jahren urbane Gärtnerin. Sie fordert und empfiehlt: “Wohnungsnah, selbstgezogenes Gemüse hat nahezu Zero CO2 Fußabdruck, Regional & Bio braucht es für Biodiversität und vorwiegend Vegan für Klimaschutz und Planetary Health. Die Stadt ist unser Garten. Städter sollten jede freie Fläche für den Anbau von Salaten, Kräutern und Gemüsen nutzen, um den Flächenbedarf auf dem globalen Acker zu reduzieren und sich mit erntefrischen Lebensmitteln selbst zu versorgen. Was fehlt sind Partnerschaften mit regionalen Erzeugern, Gemeinschaftsküchen und Lagerräume in den Quartieren.”

Als studierter Kommunikationswirt arbeitete Daniel Überall in mehreren Werbeagenturen. Im Gründungsteam von Utopia.de, der Online-Community für nachhaltigen Lebensstil, wurde 2007 die Passion zur Profession. Er startete 2011 die Initiative Stadtimker, 2015 die Flüchtlingshilfsorganisation IHA, war viele Jahre im Vorstand des Klimaherbsts. Er baut in München seit 2012 die Solidarische Landwirtschaft Kartoffelkombinat auf und ist Vorstand der anstiftung und war einer der Initiator*innen vom Bündnis „München muss handeln“, dass sich für die Umsetzung der Forderungen von Fridays for Future-Bewegung durch die Münchner Stadtpolitik stark machte.

Daniela Schmid ist auf einem Biohof im Allgäu aufgewachsen. Der Schwund der kleinbäuerlichen Strukturen, der einhergeht mit dem Schwund der Artenvielfalt, der Bodenfruchtbarkeit oder auch der Ernährungssicherheit, macht sie wütend. Sie meint: So kommen wir nicht in eine gute Zukunft für alle! Deshalb engagiert sie sich seit vielen Jahren für eine Agrar- und Ernährungswende - ehrenamtlich als Vorständin im Münchner Ernährungsrat, beruflich als Umweltprojektleiterin bei Tollwood. Dort verantwortet sie unter anderem das "Bio für Kinder"-Projekt.

Inga Bause ist Psychologin und hat am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen promoviert. Sie hat eine Coaching-Ausbildung am Institut für angewandte Psychologie in Köln gemacht und vermittelt als Trainerin und Referentin für „Bildung trifft Entwicklung“ Themen des globalen Lernens. Sie hat als Beraterin und Projektleitung Erfahrung in der Nachhaltigkeitskommunikation gesammelt und beschäftigt sich als Dozentin (an der HFWU, Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen) mit den psychologischen Einflussfaktoren auf umweltschützendes Verhalten. Deshalb interessiert sie sich besonders dafür, wie Menschen mitgenommen und für eine nachhaltigere Lebensmittelerzeugung begeistert werden können. Auch durch ihr Engagement für Slow Food Deutschland liegen ihr der bewusste Umgang mit Nahrungsmitteln und eine umweltverträgliche und global sozial gerechte Nahrungsmittelerzeugung besonders am Herzen.

Über den Münchner Klimaherbst

Der Münchner Klimaherbst findet dieses Jahr bereits zum 15. Mal statt und wird getragen von einer Vielzahl an Bildungs- und Umweltschutzorganisationen in München. Ziel der Veranstaltungsreihe ist es, Münchnerinnen und Münchner zum Klimawandel zu informieren und ihnen Möglichkeiten zum Klimaschutz aufzuzeigen. In jedem Jahr hat der Münchner Klimaherbst einen thematischen Schwerpunkt. Unter dem Titel „Schmeckt’s? – Klima geht durch den Magen” geht es in diesem Jahr um das Thema Ernährung. Die Veranstaltungsreihe läuft bis zum 31. Oktober. Der Klimaherbst.Youth, ein Unterprogramm für Familien, Kinder und Multiplikator*innen geht noch bis einschließlich 07. November.

Der Münchner Klimaherbst wird organisiert und durchgeführt vom gemeinnützigen Verein Netzwerk Klimaherbst. Der gemeinnützige Verein Netzwerk Klimaherbst informiert Menschen zu Klimaschutzthemen und befähigt sie zum Handeln. Er bringt Akteur*innen aus dem Klimaschutzbereich zusammen und schaffen eine Plattform für sie - zum Austausch und um das Thema Klimaschutz in die Öffentlichkeit und den politischen Diskurs zu bringen. Dabei versteht sich der Verein als Brückenbauer zwischen diesen Akteur*innen, der Münchner Stadtpolitik und -verwaltung, anderen gesellschaftlichen Akteur*innen und den Münchner*innen.

Um diese Ziele umzusetzen, organisiert das Netzwerk Klimaherbst Veranstaltungen und engagiert sich in Bündnissen (Münchner Initiative für Nachhaltigkeit, Radentscheid).

Über Protect the Planet - Gesellschaft für ökologischen Aufbruch

Die 2015 auf Initiative der Unternehmerin Dorothea Sick-Thies hin gegründete gemeinnützige NGO verfolgt Klimaneutralität und wurde durch Bürgerbeteiligungsprojekte und Klimaklagen bekannt. So war PtP Teil der Erfolge des Münchner Bürgerentscheids Raus-aus-der-Steinkohle und des Volksbegehrens Artenvielfalt “Rettet die Bienen”. Mit dem “People’s Climate Case” konnte eine erste Klimaklage 2018 vor dem EuGH vorgebracht und mit der erfolgreichen Verfassungsbeschwerde gegen das deutsche Klimaschutzgesetz 2021 Rechtsgeschichte geschrieben werden. Protect the Planet hostet derzeit gemeinsam mit Dr. Helmut Paschlau eine Veranstaltungsreihe, derzeit mit dem Fokus auf die Themen des Münchner Klimaherbstes.
Mehr unter www.protect-the-planet.de

Über die Münchner Volkshochschule

Als kommunales Weiterbildungszentrum der Stadt München bekennt sich die Münchner Volkshochschule zu gesellschaftlicher Verantwortung und nachhaltigem Handeln und unterstützt lebensbegleitendes Lernen. Sie bietet der Münchner Bevölkerung ein breit gefächertes und qualitativ hochwertiges Weiterbildungsangebot und erfüllt so eine unverzichtbare Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge. Als eine der Initiatoren des Münchner Klimaherbstes macht die Münchner Volkshochschule seit vielen Jahren Programm für und mit dem Münchner Klimaherbst. Weitere Infos unter www.mvhs.de

Münchner Ernährungsrat

Der Münchner Ernährungsrat sieht sich als eigenständiges unabhängiges Bündnis von AkteurIn­nen der Zivilgesellschaft, Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Bildung und Wissenschaft für die Erarbei­tung und Umsetzung eines zukunftsfähigen Ernährungssystems für München. Im Hinblick auf die großen Herausforderungen der Zukunft (Klimawandel, Verlust an Biodiversität, Ressourcen­schwund, Flächenversiegelung, finanzielle Benachteiligung etc.) hat die Politik auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Der Münchner Ernährungsrat soll hierfür den Rückhalt in der Zivilgesell­schaft fördern und der Politik bei den Entscheidungen den Rücken stärken.


Ansprechpartnerinnen:

Für Fragen zur Veranstaltung und Vermittlung der Interviewpartner, wenden Sie sich an:
Maria Weise (Projektleitung Münchner Klimaherbst)
0176 34 66 77 25
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Fotocredit: Markus Spiske von unsplash.com 

Münchner Ernährungsrat e.V.

c/o Impact Hub München
Gotzinger Str. 8
81371 München

Amtsgericht München VR 207818

Vorstände

Vertreten durch die Vorstände Lucia Rizzo, Daniela Schmid, Rajka Sickinger

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